Presseberichte zur Eröffnung des
Ammersee Skulpturenweges

Süddeutsche Zeitung
21. Oktober 2015

Schondorf Kunst auf Zeit

Etwa 100 Besucher fanden sich zur Vernissage des neuen Skulpturenwegs ein.
Der Schondorfer Skulpturenweg ist eine echte Attraktion
Die Hunde haben ihre Artgenossen trotz des merkwürdigen Geruchs sofort erkannt. Katharina Ranftls „Wölfe“ sind aus Ammersee-Schwemmholz und Baumrinde gefertigt. Doch Anatomie und Mimik, die Körpersprache, mit der sie sich begegnen, wirken so realistisch, dass offenbar selbst Tiere darauf reagieren. Das Wolfspaar besteht aus totem Material und wird durch ein Stahlgerüst gestützt. Und doch kann das Kunstwerk als lebendig betrachtet werden: Als Teil des Waldes ist die Skulptur den Naturgesetzen des Entstehens und Vergehens ausgesetzt. In den wenigen Tagen, seitdem sie am Weingartenweg zwischen Schondorf und Eching steht, hat ein Wolf schon ein Ohr verloren.
Ein ähnliches Schicksal – Zersetzung, Erosion oder Verblassen – steht über kurz oder lang den meisten der 21 Kunstobjekte entlang des Skulpturenwegs bevor, der am Mittwoch eröffnet wurde. Die Werke könnten aber auch rascher verschwinden, wenn sie einen Käufer finden: In diesem Fall ist mit den Künstlern vereinbart, dass sie eine neue Skulptur an der Schondorfer Seepromenade oder im Forst Weingarten aufstellen. Es lohnt sich also auf jeden Fall, diese für die Region einzigartige Freiluft-Galerie immer wieder aufzusuchen: Getreu dem Thema „Kunst und Natur“ stehen die Skulpturen im Dialog mit der sich verändernden Umgebung. Axel Wagners „Reflexion“ etwa ist ein Spiegel, der das Leben des gegenüberliegenden Waldes einfängt. Und Harry Zengelers noch namenlose Glasbrocken sind mit Seilen über einer derzeit trockenen Senke aufgehängt – wenn sich dort wieder ein Tümpel bildet, gibt es darin ganz neue Spiegelungen zu entdecken.
Etwa 100 Besucher sind an diesem herrlichen Herbstmittag zur Vernissage gekommen, die – wie Vizelandrat Peter Ditsch treffend meint – eigentlich ein „inspirierender Spaziergang“ ist, an dem auch ein Dutzend Vierbeiner teilnimmt. Die Idee zum Skulpturenweg haben der vormalige Bürgermeister Peter Wittmaack sowie die Kunstlehrer Walter Mayer und Joachim Dürler beim Anblick einer derartigen Ausstellung im Trentino entwickelt. Ihre Initiative rannte bei den Waldbesitzern der Familie von Perfall und Rathauschef Alexander Herrmann offene Türen ein. Und es fanden sich genug Sponsoren, sodass die Bürgschaft der Gemeinde gar nicht in Anspruch genommen werden muss – und trotzdem den sechs Künstlerinnen und neun Künstlern Honorare gezahlt werden können. Eine rundum gelungene Aktion, die dem Ammersee eine neue Attraktion beschert – einfach grandios.
Von Armin Greune

Süddeutsche Zeitung
22. Oktober 2015

Schondorf Spiel mit der Perspektive
Auf dem neuen Skulpturenweg von Schondorf nach Eching findet sich die Parodie auf den deutschen Schilderwald genauso wie Land Art und monumentale Sägearbeiten

Wo ließe es sich entspannter über Kunst streiten als bei einem Spaziergang am Seeufer und im Wald? Der gerade eröffnete Skulpturenweg von Schondorf nach Eching bietet sich nicht nur für ungewöhnliche Entdeckungen in malerischem Ambiente an – die Vielseitigkeit der Werke lädt auch geradezu zum kontroversen Diskurs ein. Unter den 21 Kunstobjekten entspricht nur Matthias Rodachs „Liegende“ der konservativen Auffassung von der Arbeit eines Bildhauers: Sie ist eine perfekt geformte, klassische Schönheit aus Steinguss (die noch durch eine Bronzefigur ersetzt werden soll). Wie sie sich auf ihrem Betonsockel in der Seepromenade entspannt, korrespondieren die Wellenlinien ihrer Körperkonturen mit denen des Sees.
Diametral entgegengesetzt ist der Ansatz von Axel Wagner, der mit minimalistischem Aufwand Denkanstöße liefert. „Zeichen 282 ½“ steht zu Beginn und Ende des Weingartenwegs: Zeichen 282, die vertraute, weiße Scheibe mit den fünf schwarzen Diagonalstreifen, hat er lediglich um fünf bunte Streifen ergänzt, um deren befreiende Wirkung noch zu verstärken. Das Original bedeute ja „Ende aller Streckenverbote“. Es sei „das Verkehrszeichen, das ich als Autofahrer am liebsten sehe“, meint der Psychiater, der sein Atelier lange Jahre im Gautinger Schlosspark hatte und nun in Greifenberg medizinisch und künstlerisch arbeitet. In Schondorf steht Wagners Symbol in Gesellschaft von Zeichen 260 („Verbot für Kraftfahrzeuge“), dem Landschaftsschutzgebiets-Dreieck, einem Radwegweiser und zwei Hinweisschildern zu Straßeneinbauten – treffender lässt sich der deutsche Schilderwald kaum illustrieren.

Eine ganze Reihe von Objekten nimmt schon in der Materialwahl auf den „wahren“ Wald Bezug: Anne Frankes „Treibgut“ besteht wie Daisy Fischers „Grand Canyon“ aus vertikal gruppiertem Fundholz – einmal verflochten, das andere Mal als Zaun aufgehängt. Aus blau bemalten Ästen hat Hilde Seibold ihr „Luftboot“ geschaffen, das zwischen zwei Kronen aufgehängt über dem Ammersee zu schweben scheint. Und auch Hans Illners hölzerne „Welle“ leuchtet blau hervor: Ein geschwungener Lattenrost über einem Graben soll den Strom der eiszeitlichen Gletscher wiedergeben. Wenngleich längst nicht alles mit den Etiketten Land Art oder Natur-Kunst versehen werden kann, empfinden wohl alle bislang vertretenen 15 Künstler die Vergänglichkeit ihrer Werke als besonders reizvoll – oder sehen im Zahn der Zeit, der an ihnen nagt, zumindest eine Herausforderung.
Hannes Kinau etwa ist sich sicher, dass seinem „Turmbau zu Pappel“ in den kommenden Jahren Veränderungen bevorstehen, die nicht nur die ultramarine Lasur angreifen. Falls die Skulptur umfällt, tauft er sie in „Jahresringkanal“ um, scherzt der Windacher Holzbildhauer. Den zunächst zwei Tonnen schweren Stamm hat er bei einem Schreiner in Greifenberg entdeckt und gekauft. Kinau beließ ihn im Ganzen, „weil ich ihm die Monumentalität nicht stehlen wollte“, erleichterte die Hülle aber mit der Kettensäge um 1400 Kilogramm und segmentierte den Hohlkörper zu vier Ringen – eine „sägensreiche“ Arbeit.

Auch bei Gerhard Gerstberger ist schon allein die physische Energie bewundernswert, die er für seine halbtonnen schwere Skulptur „Durchblick“ aufgewendet hat. Zwei im stumpfen Winkel gefaltete Stahldreiecke ragen zum Himmel, der Spalt zwischen ihnen lenkt den Blick auf den Heiligen Berg in Andechs. Das Kloster im Fokus hat auch Thomas Lenharts „Großer Fadenschein“. Selbst wenn die geometrische Stahlkonstruktion zu den Schwergewichten des Skulpturenwegs zählt, wirkt sie sehr filigran: 500 Meter Stahlseil ist zwischen zwei quadratische Rahmen in sechs Meter Abstand gespannt. Schaut man zentral durch dieses symmetrische Netz über den See, wird der Heilige Berg eingerahmt, wechselt man den Blickwinkel, zerteilt sich die Welt in ständig neue Raster. Das Spiel mit den Perspektiven zieht sich als roter Faden am Skulpturenweg entlang. Es ist ja oft nur eine Frage des Standpunkts, wo Kunst beginnt und wo die Natur endet.
Von Armin Greune

Kreisbote
24.Oktober 2015
Grand Canyon am See
Schondorf – Wer zur Abwechslung mal nicht durch klimatisierte Museen oder trendige Vernissagen flanieren will, sollte sich auf den Weg nach Schondorf machen. Hier erwartet den Besucher der „Ammersee Skulpturenweg“, eine 1,5 Kilome-ter lange Wanderstrecke bis Eching, für die 17 Künstler aus der Region 21 Objekte erschaffen haben, die stimmig in die Landschaft integriert wurden.
Dem staunenden Betrachter öffnet sich am Skulpturenweg ein breites Spektrum an Kunstrichtungen, sowohl ästhetisch ansprechend wie auch ökologisch wertvoll. Aus Materialien wie Metall, Bronze, Aluminium, Glas, Holz, Ästen aus dem Wald und Schwemmhölzern aus dem See sind Objekte entstanden im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten.
Die Erlebnistour in der frischen Herbstluft wurde lange und sorgfältig geplant und geht zurück auf die Initiative von Schondorfs Ex-Bürgermeister Peter Wittmaack, seinen Nachfolger Alexander Herrmann, Gemeinderat Walter Mayer, Künstler Joachim Dürler sowie die Waldbesitzer Manuela Freifrau von Perfall und Benedikt Freiherr von Perfall. Firmen und Geschäfte aus der Region stiegen als Sponsoren ein und ermöglichten so den hochkarätigen Kunstpfad von Schondorf nach Eching. Die nächsten fünf Jahre, solange bleiben die Objekte installiert, werden sicher auch viele kunstinteressierte Touristen den Weg nach Schondorf suchen.
Ausgangspunkt der sinnlichen Wanderung ist die Seepromenade, wo die Anne Frank-Skulptur „Treibgut“ aus Schwemmholzstelen interessante Ausblicke bietet. Wie auch das Objekt „Großer Fadenschein“. Der Schondorfer Metallkünstler Thomas Lenhart hat zwischen zwei gegenüberstehenden Stahlrahmen in einer regelmäßigen Systematik 500 Meter Edelstahlseil scheinbar schwebend eingearbeitet. Blickt man genau durch die Mitte, entdeckt man auf dem anderen Ufer Andechs.
Nach der 3,60 Meter hohen Skulptur „Schwelle“ aus Untersberger Marmor von Thomas Link, ebenfalls mit Durchblick, verlässt der Besucher die Seepromenade und biegt in den Weingartenweg Richtung Eching ein. Neben den Schildern „Durchfahrt verboten“ und „Landschaftsschutzgebiet“ irritiert den Betrachter das Schild „Ende sämtlicher Streckenverbote“, das Axel Wagner mit fünf farbigen Linien zum „Zeichen 282 ½“ erweitert hat. Der Kinderreim „Das Berühren der Figüren mit den Pfoten ist verboten“ verliert bei vielen Kunstobjekten am Skulpturenweg seinen Sinn.
Kunst zum Anfassen und Fühlen sind neben Stahlrahmen und Marmor vertreten zum Beispiel mit Johanna Widmanns Kettensägearbeit „Auftakt“, wo ein Baumstamm die Symbiose von Natur, Mensch und Tierwelt zeigt – dank den Akzenten von pickenden Vögeln. Oder der „Turmbau zu Pappel“ von Hannes Kinau. Die „sägensreiche Arbeit“ besteht aus einem blauen Turm aus vier Ringen, scheinbar planlos aufgetürmt aus einem Stück Holz. Schlicht „Eisentür“ ist die Skulptur am Ende des Weges benannt. Zehn schwenkbare Rahmen bilden die Türe mit geheimnisvollen Ausblicken auf das Seeufer. Alles zum Anfassen.
Man muss die Augen offen halten auf der Wanderung nach Eching. Da hängt plötzlich an den Bäumen ein blaues Boot aus Ästen des Waldes, von Hilde Seyboth gestaltet. Oder eingebettet in einen vertrockneten Bachlauf strahlt einem eine leuchtend blaue „Welle“ aus Holzplanken entgegen, geschaffen von Hans Illner. Überdimensionale detailgenaue Wäscheklammern halten da Bäume… oder umgekehrt, wie Künstler Franz Hartmann fragt. Ein Zaun aus dünnen Ästen durchzieht scheinbar sinnlos einen Bachlauf und regt zum Nachdenken an – zumal Daisy Fischer ihre Installation „Grand Canyon“ betitelt hat… „Magic Mushrooms“ in Gelb und Orange erleuchten in der Dämmerung knorrige Baumstämme. Glaskünstler Harry Zengeler hängte zwischen die Bäume farbige Glasscheiben, imposant kontrastierend zum Grün des Waldes.
Es gibt für Erwachsene und Kinder noch viel mehr zu entdecken auf diesem im Fünfseenland einmaligen Erlebnis- weg unter dem Motto „Die Kunst liegt in der Natur“.
Wer sich der offiziellen Eröffnungswanderung mit den Initiatoren, Künstlern, Gemeinderäten sowie Bürgermeister und Landrat Thomas Eichinger anschließen will, ist eingeladen. Start ist am Mittwoch, 21. Oktober, um 11 Uhr an der Seepromenade in Schondorf.
Dieter Roettig